Samstag, 18. Juni 2011

18.06.2011 - Linda Flor I: Ankunft und Festa de São João

Unsere Busfahrt durch die Nacht war sehr nervenaufreibend…schlichtweg deshalb weil wir keine Ahnung hatten wann wir aussteigen mussten und wo wir gerade waren.

Wir hatten uns einen Wecker gestellt damit wir ungefähr auswachten wenn wir ca. 1 Stunde vor unserem Zielort waren. Als ich also geweckt wurde, stellte sich das ganze allerdings als etwas schwieriger heraus.

In dem Bus gab es nämlich im Gegensatz zu vielen anderen kein Begleitpersonal, dass man fragen konnte wo man gerade war. Die anderen Fahrgäste waren auch eher in geringem Umfang eine Hilfe. Mit einem kleinen Telefon sollte man sich mit dem Fahrer in Verbindung setzen stand auf einem Schild, doch auch hier kam keine Antwort.

Beim nächsten Halt irgendwann um 4 Uhr morgens hängte ich mich dann an den aussteigenden Fahrer und nervte ihn so lange bis er versprach an der richtigen Abzweigung anzuhalten und uns persönlich bescheid zu sagen.
Das klappte super =)
Zum Sonnenaufgang standen wir nun also an einer Tankstelle mitten auf einer Überlandstraße…so was Ähnliches hatten wir doch schon mal.


Wir machten uns auf in Richtung der kleinen Stadt Assu die etwa 3 km nördlich liegen sollte. 
Zunächst waren wir zu Fuß mit Rucksack unterwegs, dann, nach vergeblichem Autostopp, hatten wir an der Straße einen Kleinbus aufgerissen der uns in die Stadt brachte.
Assu

Auch in kleinen Orten gibt's hohe Hausnummern


Dort angelangt stellten wir fest, dass die Stadt doch noch ein wenig groß war. Wir wollten das ursprüngliche Brasilien erleben. Wir schauten also auf die Karte und suchten nach einem kleinen Ort in der Nähe. „Linda Flor“ klang gut, die schöne Blume. Das musste doch was für uns sein.

Am Busterminal eröffnete man uns, dass es wohl Busse dorthin im Stadtzentrum gab, hier jedenfalls nicht. Nach einem netten Frühstück mit gebratenem Käse und ein wenig weiterer Fragerei stellte sich heraus:
So einen Bus gibt’s wohl doch…vielleicht…manchmal…dort drüben…gar nicht. 
Körbe aus alten Autoreifen
Auf der Suche nach der dritten angeblichen Haltestelle fanden wir einen Typen, der uns in seinem Privatauto für 2 € hinfuhr. Na also =)

Das saßen wir also nun. Die brennende Hitze, gedämpft nur leicht durch ein kleines Blätterwerk über unseren Köpfen. Neugierig beäugt von etwa zehn Augenpaaren.
Wir saßen auf dem kleinen Dorfplatz von Linda Flor.
„Wer seid ihr?“ „Wo kommt ihr her?“ „Was macht ihr so?“ „Was habt ihr vor?“
Der Dorfplatz von Linda Flor
Zwei der Augenpaare gehörten Lauri, einem Mann mittleren Alters, und seiner Frau. Nachdem wir erklärt hatten, dass wir aus Deutschland kommen, uns den See in der Nähe ansehen wollten und eine einfache Unterkunft suchten, gab es schnell wildes Gewusel.

Ein Hotel oder so gibt es nicht, aber vielleicht könne ja eine alte Frau weiter helfen. Ihre Tochter habe nämlich einen Deutschen geheiratet und wohnt jetzt in der Nähe von Karlsruhe, wo wir studieren. Die Welt ist manchmal klein.

Bei der Frau angelangt bekamen wir auch bald Bilder gezeigt. Eines von ihrer Tochter in einem Straßencafé, die rot-gelbe Straßenbahn von Karlsruhe im Hintergrund. Sie habe auch ein kleines Haus nebenan, aber das hat wohl keine Möbel, kein Licht und kein Wasser. Wir dürfen aber gerne unsere Rucksäcke bei ihr abstellen.

Mit leichtem Gepäck wurden wir nun durchs Dorf geführt. 


Ein Mann stellte uns seiner Familie vor. Im Garten hinter dem Haus, zwanzig an der Zahl, vielleicht mehr. Einige Verwandte aus der Stadt, aus Natal, waren gerade zu Besuch. Auch die wollten uns kennen lernen.
Die Kiddies und wir


Ein kleines Mädchen mit Gipsfuß war auch da, seine Nichte. Wir haben uns auf ihrem Gips verewigen dürfen. Was für eine Ehre =)


Dann wurden wir gleich wieder abgeholt. Lauri, der Mann vom Dorfplatz, wollte uns eine dauerhaftere Unterkunft besorgen und uns seiner Familie vorstellen. 


Wir liefen ihm und seiner Frau also nach bis zu seinem Haus. Ein kleines schmuckes Ding aus Holz, mit knarrenden Türen, einer Holzveranda die fast komplett rundherum ging, eine alte Küche, ein Hühnerstall.



Dort wurden wir gleich begrüßt, von der Oma, der anderen Oma, der Schwester, ihrem Mann, den Kindern, dem Neffen, den Nichten, dem alten Opa der aus seinem Stuhl nicht mehr aufstehen konnte.

Ob wir etwas zu essen haben möchten, wir sehen hungrig aus. Das gestotterte „Ist nicht nötig“ ging schnell unter und dann saßen wir auch schon am Esstisch.


Lauris Frau sei Lehrerin, „Professora“ erklärten sie stolz, die Oma war das auch, jetzt nicht mehr. Wir unterhielten uns die ganze Zeit auf Portugiesisch, mal mehr mal weniger schlecht, aber etwas anderes ging ja nicht.

Die Oma, die Lehrerin war. Als Schüler hätt ich sie auch gemocht =)
Die Nichte...

...die versucht ein Foto von mir zu schießen.
Das mit dem Finger vor der Linse hat sie noch nicht so ganz raus =)


Nach vielen interessierten Fragen und unseren Fotos von Zuhause, die sofort  der Reihe nach herumgezeigt und beäugt wurden, bedeutete Lauri uns ihm zu folgen.
Er habe da was. Einmal quer durch den Ort erreichten wir ein kleines Haus. Hier können wir wohnen und schlafen so lange wir hier sind, meinte er. Innen fehlte es an nichts. Es gehöre wohl einem Bruder oder so etwas. Die Tassen standen fein säuberlich in den Regalen, die Couch war unter einer Decke verschwunden und alles war gewienert und geputzt.

„Ihr könnt euch ruhig duschen, ich hole noch eine Matratze und eine Hängematte und dann könnt ihr euch ausruhen.“

Wow.

Das hatte ich nicht erwartet. Er kannte uns kaum eine Stunde. Er gab uns essen, ließ uns in sein Haus und vertraute uns dieses auch noch ganz allein an.
Wir sollen immer gut abschließen, zweimal, so. Wegen Dieben.

Findet man so etwas in Deutschland?

Kaum kam ich aus der Dusche stand ein weiterer Mann im Zimmer. Er leite wohl ein Austauschprojekt für Schüler in der Stadt. Das gäbe es auch Leute aus dem Ausland und sie gehen zusammen zum Fest São João. Ob wir denn nicht mit möchten, sie sammeln uns mit dem Auto ein.
Ausruhen
Abends holte uns Lauri noch mal ab. Zum Abendessen, wir könnten ja nicht mit leerem Magen auf das Fest gehen. Keine Widerrede.

Abendessen bei Lauri

Danach wurden wir gleich in die Hände der Festgemeinschaft übergeben und fuhren los. Wir machten erst halt beim Quartier der Austauschorganisation, dann ging’s mit einer 20-jährigen brasilianischen Englischlehrerin, einem Brasilianer und seiner besten Freundin, einem Deutschen (die gibt’s wohl überall =) ) und einem Thailänder los auf die Party.

Der große Platz der kleinen Stadt Assu war voller Buden, Schaustellern, kurzen Röcken und einer Band auf einer großen Bühne. Überall hingen bunte Wimpel, Fähnchen, Lichter.


Die Englischlehrerin: Nichtraucherin, Nichttrinkerin...hm


Von den Mädels wurden wir eingewiesen, in Forro, einem engen brasilianischen Tanz zu schwungvollen Rhythmen. Hier im Nordosten tanzt den jeder. Wie erwiesen uns als talentiert. So ging der Tag und Fabis Kräfte schnell ihrem Ende zu und wir landeten gegen halb 5 morgens wieder in unserem Häuschen in Linda Flor.

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